Tobias Weigand > Tobis News

Schritt für Schritt zurück ins Leben

29.11.2009 - 22:29

Foto Tobias
Schritt für Schritt zurück ins Leben

Kurz nach der Geburt seiner kleinen Schwester erkrankte der damals dreijährige Tobias Weigand von der Schweinfurter Eselshöhe im Herbst letzten Jahres an der sehr seltenen Bluterkrankung namens Hämophagozytose. Als die behandelten Ärzte eine Stammzelltransplantation erwogen, organisierten Freunde der Familie eine große Typisierungsaktion am 10. Januar 2009. Der Aufruf zur Typisierung brach eine beispiellose Welle der Hilfe in der gesamten Region los. 4.600 Menschen haben sich Anfang dieses Jahres als potentielle Lebensretter registrieren lassen. Mittlerweile konnten durch die Schweinfurter Aktion vom 10. Januar 2009 bereits sieben Menschen aus der Region mit einer Stammzellspende schwerkranken Menschen die Chance auf ein Weiterleben schenken. Und damit hoffentlich zum Lebensretter werden.
Auch für Tobias konnte in Deutschland ein Spender gefunden werden, der zu 100% passt.

Leider kam es während der monatelang anhaltenden lebensbedrohlichen Erkrankung bei Tobias zu einer großflächigen Entzündung des Gehirns. Die Unikliniken Würzburg und Erlangen empfohlen für die weitere Therapie die Neurologische Akutklinik in Vogtareuth in der Nähe von Rosenheim. Während des achtwöchigen Aufenthaltes im Frühjahr 2009 stuften die behandelten Neurologen die durch die Krankheit verursachten Schädigungen des Gehirns von Tobias als aussichtslos ein.


"Auch wenn wir beide aus medizinischen Berufen stammen, konnten und wollten wir diese hoffnungslosen Prognosen der Neurologen nicht akzeptieren", so Tobias Mutter Ruth Tellert-Weigand. "Die ohnehin schlaflosen Nächte verbrachte ich seit Februar im Internet auf der Suche nach alternativen Therapiemöglichkeiten." Ihre verzweifelte Suche führte die Mutter schließlich zur Erfolg versprechenden Doman-Therapie aus den USA. Leider wird die Doman-Therapie in Deutschland derzeit nicht angeboten.


Nach insgesamt sieben Monaten Klinikaufenthalt wurde Tobias Ende April mit einem kaum zu überblickenden Medikamentenplan und mehreren Infusionspumpen als unheilbar nach Hause entlassen. Die erfahrensten Schwestern der Sozialstation unterstützen seitdem Tobias Mutter bei der Pflege und medizinischen Betreuung.


Im Juni 2009 konnten die Eltern dann gemeinsam mit Tobias und einer Krankenschwester in die USA fliegen und in einem Seminar und einer individuellen Therapieschulung viele Übungen für Tobias erlernen. "Vor zwei Jahren hätte ich das alles selbst noch als Humbug abgetan.", ist Tobias' Vater Jürgen Weigand überzeugt. Die ersten Therapieschulungen am Family Hope Center in Philadelphia haben ihn zum Umdenken gebracht, so Weigand weiter, der seit Oktober als Arzt an die Geomed-Klinik wechselte. Nach dem Seminar habe man bei einer Vorstellungsrunde durch erfolgreiche Eltern die Beweise herumtollen sehen: Gelähmte Kinder, die das Laufen lernten, hirnblinde Kinder das Sehen, autistische Kinder Teamsport. All diese Kinder waren von den Ärzten in ihrer Heimat als hoffnungslose Fälle eingestuft worden. "Die sichtbaren Erfolge der Therapie bestärken unsere Überzeugung, all unsere Kraft in Tobias Therapie zu stecken.", bestätigt Ruth Tellert-Weigand.


Grundlage der Doman-Therapie ist die nachgewiesene Tatsache, dass gesunde Hirnareale die Fähigkeiten zerstörter Bereiche übernehmen können. Die Therapie baut darauf, dass durch besonders starke und häufige Sinnesreize wie beispielsweise grelles Licht oder laute Geräusche das Gehirn zur Verarbeitung dieser Reize animiert wird. Die Therapie setzt dabei ein hohes Maß an Engagement der Eltern voraus; Therapiezeiten von rund sechs Stunden pro Tag durch die Eltern und Helfern sind das Mindestsoll.


Der große Vorteil der Therapie: Es werden keine teueren Therapiehilfsmittel benötigt! Fast alle Übungsgegenstände sind im Haushalt vorhanden bzw. können diese in Haushaltsgeschäften oder Baumärkten mit wenig Aufwand besorgt und selbst hergestellt werden.  Der Nachteil der Therapie: Wegen der fehlenden medizinischen Anerkennung der vielen festgestellten Fortschritte und Therapieerfolge bei hirnverletzten Kindern lehnen die Krankenkassen eine Beteiligung an den Schulungskosten ab.


Die Therapie mit zwei jährlichen Aufenthalten in Philadelphia kostet für Tobias pro Jahr circa 10.000 Dollar. Neben den individuell erstellten Übungen empfahlen die Ärzte aus den USA eine tägliche, zweistündige Überdruckbehandlung. Erste Versuche in Philadelphia zeigten, dass Tobias diese Behandlung gut vertrug und im Anschluss deutlich entspannter war. Die Behandlung in einer Überdruckkammer ist mit einem Tauchgang in fünf Metern Wassertiefe vergleichbar. Durch den höheren Luftdruck wird die Sauerstoffversorgung des Blutes und der Zellen verbessert, was letztlich die Genesung des Gehirns unterstützt. Bestätigt durch viele medizinische Veröffentlichung legten die Eltern, kaum in Deutschland zurück, ihre Ersparnisse zusammen um rund 8.000 Euro eine Druckkammer für das eigene Wohnzimmer zu kaufen.


Die Mühen der Eltern und Freunde haben sich gelohnt. Die ersten, wenn auch kleinen Erfolge werden sichtbar: Bereits in den ersten Monaten der Therapie wurde Tobias deutlich aufmerksamer und kann an der Reittherapie teilnehmen. Auch die enorme und ursprünglich auf Dauer ausgelegte Tagesmenge an Medikamenten konnte deutlich reduziert werden.

In der kommenden Woche fliegt die Familie zur nächsten Untersuchung ins Family Hope Center in Philadelphia.

"Wir sind sicher, auf dem richtigen Weg zu sein. Und wir geben die Hoffnung nicht auf, dass Tobias eines Tages wieder glücklich mit seiner kleinen Schwester spielen kann." meinen die Eltern unisono. „Den Dank, den wir den vielen Menschen dabei entgegenbringen, können wir nicht in Worte fassen. Ohne diese Unterstützung wären wir zusammen mit Tobi nicht so weit gekommen.", ziehen die Eltern als Fazit für die vergangenen zwölf Monate.

Zurück