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Ein Tag fürs Leben

04.01.2013 - 14:36

In der Ausgabe des Schweinfurter Tagblattes erschien am 04.01.2013 ein interessanter Bericht zum Thema Stammzellenspende. Der Rotkreuz-Kollege Stefan Wambach aus dem Kreisverband Haßberge hat nach seiner Typisierung am 10.01.2009 im Rahmen unserer "Aktion Tobias" nun Stammzellen gespendet. Seine Erfahrungen schildert der Bericht (Herzlichen Dank an die Mainpost hierfür) recht anschaulich und zeigt wieder, dass Stammzellenspende nicht weh tun muss.

 

Hier der Bericht:

 

Ein Tag fürs Leben


Stammzellenspende - Zwei Männer aus dem Haßbergkreis lernen sich zufällig als Lebensretter kennen – in einer Nürnberger Klinik.

 

Mittwoch, 12. September 2012, kurz nach 9 Uhr. Im Klinikum Nord in Nürnberg stehen in einem Raum zwei Liegen, darauf zwei junge Männer. Ringsherum medizinische Apparate. In jedem Arm der Männer steckt je ein transparenter Schlauch. Durch die Schläuche fließt Blut. Es wird durch eine Zentrifuge gepumpt und fließt zurück in den Körper. Äußerlich hat sich das Blut nicht verändert. Doch ihm fehlt etwas Entscheidendes: Stammzellen. Diese wurden herausgefiltert. Die beiden Männer sind extra nach Nürnberg gekommen, um ihre Stammzellen herzugeben. Diese sollen das Leben von zwei Leukämiekranken retten. So wird dieser Septembermittwoch für vier Menschen zu einem sehr wichtigen Tag.

Die beiden Männer, die sich im Nürnberger Knochenmarktransplantationszentrum zum ersten Mal begegnet sind, verbindet noch mehr. „Das ist doch ein Franke“, erinnert sich Stefan Wambach (34) aus Sand an einen Gedanken, der damals durch seinen Kopf geschossen ist, als er den anderen im Zimmer hat reden hören. Dessen Dialekt habe ihn verraten. Der andere, das ist Udo Heusinger. Der 30-Jährige stammt aus Reckertshausen. Welch ein Zufall: Da treffen sich beim Stammzellen-Spenden in Nürnberg zwei Menschen aus dem Haßbergkreis.

Auch ihre Vorgeschichte weist Parallelen auf. Beide haben sich bereits vor einigen Jahren für die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) typisieren lassen, Wambach in Schweinfurt, als für den an Leukämie erkrankten Sohn eines Notarztes eine Typisierungsaktion gestartet wurde, Heusinger hatte sich während einer Aktion in Mechenried typisieren lassen, von dort stammt sein Vater. Die DKMS hat ihre Blut- und Gewebemerkmale analysieren lassen und gespeichert, in der weltweit größten Stammzellenspenderdatei. 3,4 Millionen Einträge hat diese, davon 2,8 Millionen aus Deutschland – alles potenzielle Lebensretter für Menschen mit Blutkrebs (Leukämie).

„Wenn du dich typisieren lässt, denkst du nicht unbedingt daran, dass du wirklich einmal Stammzellen spenden wirst“, sagt Stefan Wambach. Udo Heusinger stimmt ihm zu: „Als ich die Benachrichtigung erhalten habe, war ich überrascht.“ Heusinger ist selbstständiger Ingenieur. Als die DKMS ihn angerufen hat, war er hoch motiviert, wie er sagt. „Ich wäre noch am selben Tag zum Spenden marschiert.“

Doch ganz so schnell geht das nicht. Wie Stefan Wambach, der als Disponent in der Integrierten Leitstelle in Schweinfurt arbeitet, erfuhr Heusinger im Mai von der DKMS, dass seine gespeicherten Daten mit denen eines möglichen Empfängers so gut übereinstimmen, dass eine Stammzellenspende wahrscheinlich ist. Es folgte eine Feinabstimmung, wozu beim Hausarzt nochmals Blut – 15 Röhrchen! – abgenommen und ins Labor geschickt wurde. EKG, Ultraschall und weitere Untersuchungen standen ebenfalls an. Vier Wochen vor der Spende, Mitte August, erhielten die beiden Männer aus dem Haßbergkreis dann die endgültige Nachricht: Blut- und Gesundheitswerte passen überein. Als Termin für die Spende wurde der 12. September angesetzt.

Die Spender erhielten Spritzen. In den letzten fünf Tagen vor dem Termin mussten sie sich zweimal täglich eine Spritze geben. Obwohl er Rettungsassistent ist, habe er sich überwinden müssen, sich die dünne Injektionsnadel in den eigenen Bauch zu stechen, gibt Wambach zu. „Man gewöhnt sich daran“, berichtet Heusinger. Die Injektionen regen den Körper an, vermehrt Stammzellen zu produzieren. Verbunden ist dies mit Gliederschmerzen, gegen die Wambach und Heusinger Schmerztabletten erhalten haben. „Das alles ist erträglich“, erinnern sie sich.

Dann ist er da, der entscheidende Tag. Um 9 Uhr beginnt die Prozedur in der Nürnberger Klinik. Wambach und Heusinger sind bereits am Tag zuvor angereist und haben im Hotel übernachtet. Die Kosten trägt die DKMS, wie überhaupt alle weiteren Unkosten, einschließlich des Arbeitsausfalls am Tag der Spende und am Folgetag; den bekommt der Arbeitgeber ersetzt, wenn er Arbeitnehmer für die Spende freistellt.

Der Eingriff für die Stammzellenspende ist minimal. In beide Arme werden Kanülen gelegt, an die die Schläuche angeschlossen sind, die zur Zentrifuge führen. Diese fischt die Stammzellen aus dem Blut. Wenn die Nadeln erst mal sitzen (Wambach: „Davor hatte ich Bammel“), ist Geduld gefragt. Rund vier Stunden dauert das Filtern des Blutes. Fünfmal, sagt Wambach, wurde währenddessen sein kompletter Blutkreislauf durchgewälzt.

Nach der Stammzellenspende, am gleichen Abend, fühlten sich beide Spender aus den Haßbergen super, wie sie erzählen. Der Körper empfinde es als Erleichterung, wenn er die durch die Spritzen in die Blutbahn geschwemmten Stammzellen wieder verliert. Erst am folgenden Tag, schildert Wambach, habe es ihm die Füße weggezogen. Er fühlte sich erschöpft und schlief nachmittags drei Stunden, was sonst nicht seine Art sei.


Anonymität für beide Seiten

Das Gefühl der Erschöpfung war schnell vorüber. Was Wambach und Heusinger bleibt, ist das Gefühl, einem Todkranken Menschen geholfen, ihm bestenfalls das Leben gerettet zu haben. Wer ihre Stammzellen erhalten haben, wissen sie bis heute nicht genau. Um Spender und Empfänger zu schützen, gibt die DKMS die Personendaten dem jeweils anderen gegenüber nicht preis. Erst zwei Jahre nach der Spende fällt die Anonymität – wenn beide Seiten damit einverstanden sind. Wambach und Heusinger hätten nichts dagegen, den Empfängern ihrer Stammzellen dann offen zu begegnen, sagen sie gut drei Monate nach ihrer Spende.

Doch ganz im Unklaren darüber, was mit ihren Stammzellen passiert ist, müssen die Männer aus dem Haßbergkreis bis dahin nicht leben. Am Tag nach ihrer Spende haben sie zumindest erfahren, dass Wambachs Spende für einen 27-Jährigen in den USA bestimmt war, und Heusingers Stammzellen an eine 60-jährige Frau gingen, die ebenfalls in den USA lebt. In Kürze, 100 Tage nach dem Spendentermin, erfahren die beiden von der DKMS nochmals, wie es den Empfängern jetzt geht.

Stolz, ja stolz sei er schon darauf, dass er Stammzellen gespendet und damit einem todkranken Menschen geholfen hat, meint der 34-jährige Wambach. Er habe daraus auch kein Geheimnis gemacht, sagt er. Per Facebook habe er davon im Internet berichtet. Die Resonanz von Freunden, Bekannten, aber auch aus seiner Familie sei durchweg positiv gewesen. Dasselbe berichtet Udo Heusinger aus Reckertshausen. Beide sehen die Chance, mit ihrem Beispiel dafür zu werben, dass sich möglichst viele Menschen typisieren lassen, um als potenzielle Spender zur Verfügung zu stehen.

Wie groß die Hilfsbereitschaft unter den Menschen ist, hat die Typisierungsaktion in Ebern im März dieses Jahres gezeigt. 6478 Menschen hatten sich damals daran beteiligt, laut DKMS war die Hilfsaktion für den achtjährigen Linus aus Rentweinsdorf eine ihrer größten Aktionen überhaupt. Aus ihr sind bisher sieben Spender hervorgegangen, berichtet die DKMS auf Nachfrage. Für Linus selbst konnte zwischenzeitlich ebenfalls ein Stammzellenspender gefunden werden; der Junge befindet sich auf dem Weg der Besserung.

Für den Landkreis Haßberge hat die DKMS 6713 potenzielle Spender verzeichnet. 29 von ihnen haben Stammzellen oder Knochenmark gespendet und damit einem kranken Menschen eine Chance auf ein zweites Leben ermöglicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass es für einen Kranken einen zweiten Menschen gibt, dessen Genpool eine Spende zulässt, liegt laut DKMS günstigstenfalls bei 1 : 20 000, es kann aber auch unter mehreren Millionen Menschen nur ein potenzieller Spender sein. „Es ist die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen“, umschreibt Julia Runge, Pressesprecherin der DKMS die Situation. Dies macht deutlich, wie wichtig es ist, möglichst viele potenzielle Spender zu erfassen: Je größer die Spenderkartei, desto höher die Chance, dort einen Treffer zu landen.
Hoffen wider alle Statistik

4567 Spender hat die DKMS in diesem Jahr weltweit vermittelt, etwa zwölf Spenden pro Tag. Dass mit Stefan Wambach und Udo Heusinger zwei Spender aus dem gleichen Landkreis am selben Tag in derselben Klinik Stammzellen gespendet haben, das bleibt ein ungewöhnlicher Zufall. Andererseits zeigt es, dass es sich wider aller Statistik doch lohnt, zu hoffen – in erster Linie für Leukämiekranke. Wambach und Heusinger sind seit jenem Tag im September in Kontakt geblieben. Wambach ist dem „Spenderklub“ der DKMS beigetreten und unterstützt deren Arbeit als Vorbild. Heusinger überlegt sich das noch. Wie Wambach wäre er dennoch bereit, erneut zu spenden – „jederzeit“, sagt der Reckertshäuser.


Leukämie und Stammzellenspende

Leukämie: Bei dieser Erkrankung vermehren sich unreife weiße Blutkörperchen explosionsartig. Wenn Chemo- oder Strahlentherapie nicht helfen, kann nur die Übertragung gesunder Stammzellen das Leben des Patienten retten. Durchschnittlich alle 45 Minuten wird in Deutschland ein neuer Fall von Leukämie diagnostiziert. Typisierung: Grundsätzlich kann sich jeder, der zwischen 18 und 55 Jahre alt ist, als potenzieller Spender registrieren lassen, entweder während einer Typisierungsaktion in seiner Nähe (Veranstaltungskalender und Infos im Internet unter www.dkms.de) oder man bestellt online oder unter Tel. (0 221) 9 40 58 20 ein Registrierungsset für zu Hause; die Registrierung erfolgt dann per Wangenabstrich über Wattestäbchen. Spende: Steht ein passender Spender zur Verfügung, erfolg eine eingehende ärztliche Voruntersuchung. Es gibt zwei Verfahren zur Gewinnung von Stammzellen: In 80 Prozent der Fälle werden die Stammzellen peripher entnommen. Dem Spender wird mehrere Tage lang ein Stoff verabreicht, der die Produktion von Stammzellen stimuliert, die aus dem Blut herausgefiltert werden. Viel seltener wird dem Spender unter Vollnarkose circa ein Liter Knochenmark-Blut-Gemisch aus dem Beckenknochen entnommen und dem Patienten übertragen. Das entnommene Knochenmark bildet sich innerhalb von zwei Wochen vollständig nach. Unterstützung: Jede Typisierung kostet etwa 50 Euro, für die die gemeinnützige Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) aufkommen muss. Spendenkonto der DKMS: Kontonummer 255 556, Kreissparkasse Tübingen, BLZ 641 500 20. Quelle: DKMS

Von unserem Redaktionsmitglied Michael Mösslein

Quelle: http://www.mainpost.de/regional/hassberge/Ein-Tag-fuers-Leben;art1726,7215821

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